• Naturgefahrensicher bauen

Naturgefahrensicher bauen

12.11.2020 MIRJAM KALBERMATTEN, Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen VKF

Die Gebäudeschäden aufgrund von Überschwemmung, Hagel, Sturm und anderen Naturgefahren nehmen zu. Auch wenn vieles versichert ist: Es entstehen Umtriebe und Ärger – und oft lässt sich Liebgewonnenes nicht ersetzen. Wer den Schutz vor Naturgefahren frühzeitig berücksichtigt, kann sich und sein Haus einfach sowie günstig schützen.

Zwei von drei Gebäuden in der Schweiz sind bei starkem Regen potenziell gefährdet, auch wenn sie abseits von Gewässern liegen. Dies zeigt sich anhand der Gefährdungskarte Oberflächenabfluss, die schweizweit die möglichen Abflusswege und überschwemmten Bereiche im Falle eines lokalen Gewitters darstellt. Oberflächenabfluss auszuweichen, ist oft nicht möglich, ein guter Schutz vor Überschwemmungen hängt vielmehr von der Bauweise und der Umgebungsgestaltung ab. Am grössten ist der Handlungsspielraum für kostengünstige Schutzmassnahmen bei Neubauten. Doch auch bei Umbauten und Sanierungen können gute Lösungen gefunden werden. Je früher an den Schutz vor Naturgefahren gedacht wird, desto einfacher kann dieser umgesetzt werden. Die Anforderungen und Möglichkeiten zum Schutz des Gebäudes sollten somit schon in die ersten Entwürfe eines Bauprojekts einfliessen und mit den Baupartnern besprochen werden. Dies erspart nachträgliche Planungsanpassungen und zusätzliche Massnahmen. Zu beachten gilt, dass der Bauherr den Architekten bei der Planung explizit mit der Berücksichtigung der Naturgefahren beauftragen muss.

Bei Gefahr durch Hochwasser lohnt es sich, die Höhenlage des Erdgeschosses, sämtlicher Gebäudeöffnungen wie beispielsweise Türen oder Lüftungsöffnungen sowie technische Installationen wie Wärmepumpen zu optimieren. So ist allein durch bauliche Massnahmen ein permanenter Schutz gegeben. Generell bieten fest installierte und damit permanent wirksame Schutzvorkehrungen langfristig am meisten Sicherheit. Im Idealfall entfällt somit auch zusätzlicher Aufwand für Wartung, Unterhalt und das Üben von Notfallsituationen. 

Schutzzielvorgaben in Gesetzen und Baunormen

In Ergänzung zu den gesetzlichen und versicherungsrechtlichen Vorgaben der kantonalen und kommunalen Behörden definieren Baunormen klare Schutzziele für Neu- und Anbauten. Besonders wichtig sind die überarbeiteten Normen SIA 261 «Einwirkungen auf Tragwerke» sowie die SIA 261/1 «Einwirkungen auf Tragwerke – ergänzende Festlegungen», die neu bezüglich allen Naturgefahren konkrete Anforderungen an den Gebäudeschutz stellen. Die Schutzziele beziehen sich einerseits auf die Gefahren grundlagen, beispielsweise die kantonalen Gefahren- und Intensitätskarten, andererseits auf die Gebäudenutzung und -funktion. Letzteres wird über «Bauwerksklassen» (BWK I-III) ausgedrückt, die in der Norm SIA 261 definiert sind. Für normale Wohnund Bürogebäude mit maximal 50 Personen (BWK I) liegt beispielsweise für Hagel das Schutzziel beim 50-jährlichen Hagelgewitter. Vielerorts bedeutet dies, dass die Gebäudehülle 3cm grosse Hagelkörner schadlos überstehen muss. Bei grösserer Personenbelegung und für Bauwerke mit wichtiger Funktion wie Schulen oder Spitäler (BWK II und III) gelten höhere Anforderungen, wodurch beispielsweise auch Extremhochwasser zu berücksichtigen sind.

Bauherrschaften sollten von den Baupartnern die konsequente Umsetzung dieser Normen einfordern. Eigentümer erhalten dadurch nicht nur ein gut geschütztes Gebäude, das langfristig seinen Wert behält. Als Bauherr ist man so auch besser abgesichert und verringert das Risiko, Opfer von Planungs- und Baumängeln zu werden. Zudem lässt es sich beim nächsten Gewitter ruhiger schlafen. 

Schutz vor Naturgefahren bei Umbauten – dank guter Planung

Auch bestehende Gebäude müssen einen minimalen Schutz gewährleisten, insbesondere für die Personensicherheit. Obwohl auch bei Umbauten Gesetze und Normen (z.B. SIA 269/8 «Erhaltung von Tragwerken – Erdbeben ») zu berücksichtigen sind, müssen allfällige Schutzmassnahmen primär wirtschaftlich und zumutbar sein. Ein Umbau oder eine Renovation sind gute Gelegenheiten, um den Schutz zu verbessern. Empfehlenswert ist es deshalb, beispielsweise bei einem Dachausbau oder einer Fassadensanierung, auch den Schutz vor Naturgefahren zu verbessern. So kann mit hagelgeprüften Produkten sehr einfach und ohne nennenswerte Mehrkosten das Schutzziel für Neubauten erreicht werden. Bei Eingängen und Zufahrten verhindern kleine Schwellen oder automatische Klappschotts, dass Wasser eintreten kann. Viele kantonale Gebäudeversicherungen bieten hierzu Beratung an und fördern gewisse Schutzmassnahmen auch finanziell.

Schutz vor Naturgefahren

Auf www.schutz-vor-naturgefahren.ch/schutzziele finden Eigentümer und Bauherren eine Übersicht mit Schutzzielen. Die Informationsplattform wurde von den kantonalen Gebäudeversicherungen ins Leben gerufen und wird heute von einer für die Schweiz einmaligen Allianz wichtiger Akteure im Bereich Gebäudeschutz getragen: der Vereinigung Kantonaler Gebäudeversicherungen VKG, dem Schweizerischen Versicherungsverband SVV, dem Hauseigentümerverband Schweiz HEV, dem Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein SIA, dem Verband Schweizerischer Kantonalbanken VSKB sowie dem schweizerischen Gemeindeverband SGV.